Impfung der ganzen Welt: Versprechungen und Realität

Blogbeitrag des HV/VP – Anderthalb Jahre nach dem Beginn der Einführung von COVID‑19-Impfstoffen kann die EU auf ihren Beitrag zur Impfung in der Welt, insbesondere in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen, stolz sein. Die Bilanz der EU steht im Kontrast zu dem, was China und Russland über die lautstarken und vollmundigen Ankündigungen im Rahmen ihrer „Impfdiplomatie“ hinaus unternommen haben.

Covid vaccines

„Die EU kann auf ihren Beitrag zur Impfung in der Welt stolz sein. Wir haben viel mehr COVID‑19-Impfstoffe exportiert als alle anderen globalen Akteure.“

 

Die COVID‑19-Pandemie ist noch nicht beendet, denn täglich sind noch immer mehr als 500 000 aktive Fälle zu verzeichnen. Das Thema ist jedoch fast überall in den Hintergrund getreten und wurde von den Auswirkungen des Angriffskriegs Wladimir Putins gegen die Ukraine und dem drastischen Anstieg der Energie- und Lebensmittelpreise, den dieser Krieg ausgelöst hat, verdrängt.

 

2021 betrieben China und Russland eine aktive „Impfdiplomatie“

Das schwindende Interesse der Öffentlichkeit für die Pandemie hat auch das Interesse für das Thema Impfstoffe abnehmen lassen. Wie erinnerlich beherrschte 2021 das Thema nicht nur die Schlagzeilen, sondern stand auch im Mittelpunkt der internationalen Beziehungen zu den großen Mächten, insbesondere China und Russland, wobei diese eine aktive „Impfdiplomatie“ praktizierten, um ihren globalen Einfluss zu erweitern, indem sie versprachen, Impfstoffe für die Welt bereitzustellen.

 

Wir hatten uns dafür entschieden, in einem multilateralen Rahmen zu handeln, indem wir die COVAX-Fazilität unterstützen. Dies bedeutete, dass die Europaflagge nicht immer auf jeder mit unserer Hilfe gelieferten Charge von Impfstoffen zu sehen war.

 

In diesem Zusammenhang wurde Europa oft vorgeworfen, nicht genug zu tun. Wir hatten uns von Anfang an dafür entschieden, in einem multilateralen Rahmen zu handeln, indem wir die von der WHO ins Leben gerufene COVAX-Fazilität unterstützen, um gemeinsam Impfstoffe für Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen zu erwerben und bereitzustellen. Dies bedeutete, dass – anders als bei anderen – unsere Flagge nicht immer auf jeder mit unserer Hilfe gelieferten Charge von Impfstoffen zu sehen war.

Eine Analyse der Lage, die von den Dienststellen des EAD anhand der von den multilateralen Institutionen erhobenen Daten jüngst vorgenommen worden war, ergab, dass anderthalb Jahre nach Beginn der Impfkampagnen die EU tatsächlich als der bei weitem größte Exporteur von Impfstoffen in der Welt feststeht. Mit 2,2 Milliarden Dosen, die in 167 Länder geliefert wurden, haben wir fast doppelt so viele Impfstoffdosen wie China, dreimal so viel wie die Vereinigten Staaten und zwanzigmal so viel wie Russland exportiert.

 

Die EU war mit Abstand der größte Exporteur von Impfstoffen. Wir haben fast doppelt so viele Impfstoffdosen wie China, dreimal so viel wie die Vereinigten Staaten und zwanzigmal so viel wie Russland exportiert.

 

Von diesen 2,2 Milliarden exportierten Dosen wurden 475 Millionen an 104 Länder gespendet, davon 405 Millionen über COVAX und 70 Millionen bilateral, insbesondere im Westbalkan und in der Östlichen Partnerschaft. Was die Spenden anbelangt, so haben die Vereinigten Staaten mit 542 Millionen an 117 Länder gelieferten Dosen geringfügig mehr geleistet als wir. Doch wir haben weitaus mehr Impfstoffe gespendet als China (nur 130 Millionen Dosen an 95 Länder) und Russland (nur 1,5 Millionen Dosen an 19 Länder).

 

Die EU unterstützt auch die Entwicklung der Impfstoffproduktion in Afrika

Wir haben nicht nur Impfstoffe exportiert und gespendet, sondern auch zur Entwicklung der Impfstoffproduktion in Afrika beigetragen: Im vergangenen Jahr hat die EU zusammen mit ihren Mitgliedstaaten und Finanzinstitutionen mehr als eine Milliarde Euro zur Finanzierung dieser Entwicklung bereitgestellt. Die Afrikanische Union möchte bis 2040 erreichen, dass 60 % der auf dem Kontinent verwendeten Impfstoffe in Afrika hergestellt werden, und die EU unterstützt dieses Ziel uneingeschränkt. Bereits in diesem Jahr werden zwei Fabriken in Ruanda und Senegal errichtet, und die kommerzielle Produktion soll 2023 beginnen. Außerdem besteht eine enge Zusammenarbeit mit dem südafrikanischen Biovac-Institut und mit unseren Partnern in Ghana.

China ist weltweit der zweitgrößte kommerzielle Anbieter von COVID‑19-Impfstoffen, aber es hat dreimal weniger Impfstoffe gespendet als die EU bzw. die USA. China beteiligt sich an COVAX und hat 226 Millionen Dosen an diese multilaterale Fazilität verkauft, aber keinen Impfstoff an COVAX gespendet. Entscheidend ist, dass China auch keine m‑RNA-Impfstoffe geliefert hat, die sich als das wirksamste Instrument zur Bekämpfung des Coronavirus – auch der neuen Varianten – erwiesen haben.

 

Die russische Impfdiplomatie war ein völliger Misserfolg, und dies war bereits vor dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine der Fall.

 

Die russische Impfdiplomatie war ein völliger Misserfolg, und dies war bereits vor dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine der Fall. Im August 2020 gab Präsident Putin bekannt, dass Russland den ersten Impfstoff gegen COVID‑19 mit der Bezeichnung „Sputnik V“ genehmigt habe. Der Umstand, dass der Impfstoff vor Beginn der obligatorischen klinischen Prüfungen der Phase III genehmigt wurde, verstieß jedoch gegen die einschlägigen internationalen Protokolle und beeinträchtigte von Anfang an seinen Ruf – auch in Russland, wie aus der dort bestehenden hohen Impfskepsis hervorgeht. Sputnik V wurde nie von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) zugelassen, vor allem wegen der mangelnden Transparenz der russischen Labors.

Sputnik V wurde im Rahmen einer professionellen internationalen Marketingkampagne stark beworben, und Russland erhielt kommerzielle Verträge über fast 800 Millionen Sputnik‑V-Dosen. Bislang hat Russland jedoch nur 108 Millionen Dosen geliefert, d. h. weniger als 15 %. Dies hat zu starken Irritationen unter ausländischen Regierungen geführt, und einige (z. B. Guatemala) stornieren ihre Beschaffungsverträge. Viele Beschaffungsvereinbarungen waren auch von der Zustimmung der WHO abhängig, die aber nicht erteilt wird.

Russland hat auch Produktionsvereinbarungen mit nicht weniger als 23 Ländern über die Herstellung von Sputnik V geschlossen. Aufgrund von Verzögerungen bei der Rohstoffversorgung haben jedoch nur wenige Länder die Produktion aufgenommen. Nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine wurden weitere Produktionsverträge annulliert. Als eines von sehr wenigen Ländern blieb Russland vollständig außerhalb der COVAX-Fazilität und spielte bei Impfstoffspenden keine wesentliche Rolle. Kurz gesagt kann die Impfdiplomatie der beiden Länder unter dem Schlagwort „große Erwartungen – gebrochene Versprechen“ zusammengefasst werden.

 

Kurz gesagt lässt sich die Impfdiplomatie Chinas und Russlands unter dem Schlagwort „große Erwartungen – gebrochene Versprechen“ zusammenfassen.

Auch Indien ist ein wichtiger Akteur beim Thema Impfstoffe. In der frühen Phase der Einführung des Impfstoffs ist Indien seinem Ruf als „Apotheke der Welt“ durch die Massenproduktion des Impfstoffs AstraZeneca beim weltweit größten Impfstoffproduzenten, dem Serum Institute of India (SII) in Pune, gerecht geworden. Die indische Version des Impfstoffs wurde unter der Bezeichnung Covishield bekannt; später folgte Indiens erste eigene Impfstoffentwicklung Covaxin. Indien erhielt für beide Impfstoffe eine Notfallzulassung der WHO.

 

Indien hat im April 2021 alle Impfstoffexporte eingestellt

Angesichts eines Anstiegs der Pandemie im eigenen Land hat Indien jedoch im April 2021 alle Impfstoffexporte eingestellt. Diese Entscheidung erwies sich als großes Problem für die COVAX-Fazilität, die damals fast ausschließlich auf den Impfstoff von AstraZeneca angewiesen war. Das Exportverbot für indische Impfstoffe ist erst im Oktober 2021 aufgehoben worden. Seitdem haben sich die indischen Impfstoffexporte nicht wirklich erholt: Nur 230 Millionen Dosen – davon 15 Millionen als Spende – wurden in 100 Länder exportiert.

Kurz gesagt, in Bezug auf COVID‑19-Impfstoffe kann die EU auf viele Dinge stolz sein. Es ist uns nicht nur gelungen, unsere eigene Bevölkerung innerhalb kurzer Zeit gegen COVID‑19 zu impfen, sondern wir waren auch der weltweit größte Exporteur von Impfstoffen und der zweitgrößte Geber für Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen. In diesem Bereich haben wir viel mehr erreicht als China und Russland zusammen. Auf der Grundlage dieser soliden Erfolgsbilanz wird die EU den Zugang zu Impfstoffen weltweit weiterhin unterstützen, indem sie insbesondere Afrika bei der Herstellung dieser Impfstoffe behilflich ist.

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